Die scharfen Kontrollen beginnen bereits, lange bevor ein Rohstoff in die Produktion kommt. "Wir wollen alles wissen!", betont Orth. Bei einer Austernschale aus dem französischen Arcachon an der Atlantikküste fragen seine Mitarbeiter: Wo hat die Muschel gelebt? Welche Sorte genau ist das? War die Kühlkette lückenlos? Muss eine Buschmeisterschlange her, erhalten die Züchter Fragebögen zur Lebenshaltung. Pflanzen werden exakt auf ihre Art überprüft.
Digitale Waagen wiegen, Computer protokollieren und kontrollieren alle Abläufe - die Verarbeitung der Pflanzen, die manchmal tagelange Verreibung von Mineralien in Spezialmühlen, die Lagerhaltung. Aus 1600 Rohstoffen werden insgesamt 90000 so genannte Vorpotenzen gewonnen, meist mit Ethanol und Wasser verdünnte Tinkturen, die in Glasfläschchen abgefüllt in einem Flur cremefarbener Schränke der weiteren Verarbeitung harren. Geschäftsführer Stempfle breitet seine Arme aus: "Sie sehen hier die größte Apotheke der Welt."
Das umstrittene Mysterium der Homöopathie ereignet sich im nächsten Raum. Denn hier sitzen DHU-Mitarbeiter und "verschütteln" die Urtinkturen tatsächlich per Hand zur gewünschten Endtinktur, die dann in Rührkesseln auf die Rohrzuckerkügelchen aufgebracht wird. Die Mittel werden also nicht nur verdünnt, vielmehr wird das verwendete Gefäß nach jedem Verdünnungsschritt zehnmal kräftig auf ein Lederkissen geklopft. Je nach gewünschter Potenzierung werden die Tinkturen bei jedem Schritt im Verhältnis 1:10 (D-Reihe), 1:100 (C-Reihe) oder 1:50000 (LM- oder Q-Reihe) verschüttelt.
Kritiker benutzen gern Vergleiche für die so entstehenden Mischungsverhältnisse: Bei D9 - nach neun Verdünnungsschritten - kommt ein Tropfen der Ausgangstinktur auf das Volumen, das ein Öltanklaster samt Anhänger transportiert. D23 entspricht einem Tropfen im Mittelmeer, D78 einem Molekül auf alle Moleküle des Universums. Homöopathen versichern, dass diese Hochpotenzen besonders stark wirken. Es wäre eine Heilung aus dem Nichts.
Dabei behaupten selbst die Homöopathen nicht, dass hier eine pharmazeutische Wirkung im klassischen Sinn noch vorstellbar wäre. Stattdessen vermuten sie, dass die "Information" der Ausgangssubstanz beim Verschütteln irgendwie auf das Wasser übertragen und dabei verstärkt werde. Diese Behauptung treibt Kritiker zur Weißglut. Als "Irrlehre und Täuschung des Patienten" verdammt etwa der Fachbereich Medizin der Universität Marburg die Homöopathie.
Es mangelt so auch nicht an Versuchen, den Verschüttelungseffekt experimentell nachzuweisen. Doch kein positives Ergebnis konnte bislang zuverlässig reproduziert werden. Schlagzeilen machte 1988 eine Publikation des Pariser Mediziners Jacques Benveniste im Wissenschaftsjournal "Nature". Er wollte bewiesen haben, dass ein um den Extremfaktor 1:10120 verdünntes Antiserum im Reagenzglas immer noch eine Wirkung ausübe. Als nach heftiger Kritik eine "Nature"-Untersuchungskommission eine strengere Versuchsanordnung forderte, verschwand der Effekt, und Benveniste hatte seine Karriere ruiniert.
Einen Forschungspreis erhielt Ende 2003 ein Team um die Pharmakologin Karen Nieber von der Universität Leipzig. Es hatte angeblich den Nachweis erbracht, dass eine D-100-Potenz des Wirkstoffs Belladonna (Tollkirsche) verkrampfte Rattendärme entspannt. Nachdem Schlampereien in der Arbeit bekannt geworden waren, gaben die Autoren den Preis zurück.
Als "Sensation im Wasserglas" wertete im Jahre 2001 sogar die nüchterne "Neue Zürcher Zeitung" ein Experiment, den der deutsche Polymerforscher Kurt Geckeler in Südkorea durchgeführt hatte. Bei Lösungsversuchen mit Fullerenen - fußballähnlichen, organischen Molekülen - verklumpten die Teilchen zu größeren Haufen. Zu erwarten wäre gewesen, dass sie sich immer weiter und gleichmäßig verdünnen. Könnte sich hier das Geheimnis der Hochpotenzen verbergen? Geckeler wehrt ab: "Zurzeit steht noch nicht fest, ob die Effekte generalisierbar sind." Es gehe um Grundlagenforschung, die primär nichts mit medizinischer Therapie zu tun habe, der Effekt sei schwierig zu interpretieren. Nebenbei: "Unsere Studie beschreibt übliche Konzentrationen, keine Hochpotenzen."
Derzeit hoffen Homöopathen auf Experimente, die der Schweizer Chemiker Louis Rey, Ex-Forschungschef beim Nestlé-Konzern, 2003 in der Fachzeitschrift "Physica A" veröffentlichte. Darin will er das Wassergedächtnis mit dem so genannten Thermoluminiszenz-Verfahren nachgewiesen haben. Diese Technik nutzt die Tatsache, dass gefrorenes und radioaktiv bestrahltes Eis beim Erwärmen spezifische Lichtsignale aussendet, die sich verändern, wenn im Wasser Salz aufgelöst ist. Angeblich konnte Rey auch bei hochpotenzierten Salzlösungen, die statistisch kein einziges Molekül mehr enthielten, diese Salzsignale ausmachen.
Kritiker bemängeln, dass die Versuche nicht blind ausgeführt und Verunreinigungen nicht ausgeschlossen wurden. Derzeit versucht Molekularbiologe Roeland van Wijk von der Universität Utrecht am Internationalen Institut für Biophysik (IIB) in Neuss, die Rey-Experimente unter kontrollierten Bedingungen zu reproduzieren. Unwahrscheinlich, dass damit die Frage endgültig entschieden wird.
Dementes Wasser. Andere Ergebnisse deuten nämlich darauf hin, dass Wasser eher vergesslich ist. Einem Team um den Physiker Thomas Elsässer vom Max-Born-Institut in Berlin-Adlershof gelang es, die Moleküle eines dünnen Wasserfilms lokal zu bestimmten Schwingungen anzuregen, also Informationen zu speichern. Mit einer trickreichen Apparatur maßen die Forscher, wie lange diese Schwingungsveränderung gespeichert bleibt - ganze 50 Femtosekunden. Eine Femtosekunde ist der millionste Teil einer milliardstel Sekunde. Elsässer bestreitet deshalb, dass die Information eines Wirkstoffs in einer Hochpotenz noch existent sein könnte. "Unsere Ergebnisse zeigen explizit, dass es diesen molekularen Abdruck im Wasser nicht gibt. Dieses Phänomen kann man mit Sicherheit ausschließen."
Der endlose Streit um die Hochpotenzen führt selbst Freunde der Homöopathie auf neue Wege - so den Psychologen Harald Walach von der University of Northampton, der über einen "nicht lokalen Mechanismus" spekuliert. "Entscheidend ist doch, dass die Therapie in der Praxis wirkt", sagt Walach. Dafür gebe es mittlerweile gute Belege. Früher litten Homöopathie-Studien meist unter ihrer schlechten Qualität. Da wurden Patienten nur rückblickend befragt, die Teilnahmequoten waren gering, die Fallzahlen klein, die Beobachtungszeiträume kurz, Daten schlecht dokumentiert.
Als Durchbruch gilt eine Studie, die ein Team unter Claudia Witt von der Berliner Universitätsklinik Charité im November 2005 publizierte. Die Mediziner untersuchten erstmals auf methodisch hohem Niveau den ganz normalen klinischen Alltag von über 100 Arztpraxen in Deutschland und der Schweiz, die klassische Homöopathie anbieten. Über einen Zeitraum von zwei Jahren verfolgten die Forscher die Krankheitsverläufe von knapp 4000 Patienten. Bei den meisten Teilnehmern erzielten die Homöopathen eine deutliche Besserung.
In einer parallelen Untersuchung von 493 dieser Patienten entdeckten die Forscher sogar einen therapeutischen Vorteil der Homöopathie gegenüber konventioneller Behandlung. "Die Effekte sind groß", betont Studienleiterin Witt. "Wir wissen nicht, warum, aber die Homöopathie in ihrer Gesamtheit scheint den Patienten zu helfen." Derzeit organisiert Witt eine Verlaufsstudie über die Wirkung von Homöopathie bei Kindern mit Neurodermitis.
Ein neuer Pragmatismus breitet sich vor allem unter Nachwuchsmedizinern aus: Was hilft, soll mitheilen. In der Onkologie der Uni Jena plant die Ärztin Katja Zulkowski ein therapiebegleitendes Homöopathieprogramm zur konventionellen Krebsbehandlung. Im Kreiskrankenhaus Hofheim bei Frankfurt gibt der werdende Facharzt für Psychiatrie, Ulrich Koch, Globuli gegen Depressionen und Schizophrenie, betont aber: "Ich bin da völlig undogmatisch, 50 Prozent meiner Patienten erhalten auch Psychopharmaka." Und überhaupt, Psychotherapie und Homöopathie seien sich doch recht ähnlich.
Beispielhaft ist das Homöopathieprojekt des Haunerschen Kinderspitals der Universität München, das gerade sein Zehnjähriges gefeiert hat. Als die Kinderärztin und Homöopathin Sigrid Kruse 1995 mit Drittmitteln der Carstens-Stiftung dort antrat, traf sie auf Skepsis. Als die Förderung auslief, sammelten Eltern Geld, um die Stelle zu halten. Mittlerweile hat die AOK die Kosten übernommen.
Auch Kruse kann Geschichten erzählen. Die beeindruckendste? "Die von Lukas!" Das Baby wurde im Alter von sechs Monaten mit akuter Leukämie und schlechter Prognose eingewiesen. Während der Chemotherapie litt es unter Erbrechen und Entzündung der Mundschleimhaut. Die Eltern wollten eine homöopathische Begleitung. "Ich gab Nux vomica C30", erzählt Kruse. Dann, nach der Knochenmarktransplantation: "Borax C6." Schon nach acht Tagen produzierte das Knochenmark neue Zellen. Mittlerweile ist Lukas gesund, besucht den Kindergarten. "Ein schönes Erlebnis", sagt Kruse, die noch viele andere Fallgeschichten parat hält. "Gerade bei Hirnblutungen gibt es immer wieder überraschende Fälle."
Geschichten beweisen nichts, dennoch sind die Erfolgsberichte zu zahlreich, um sie einfach nur abzutun. Nachdenkliche Forscher überlegen: Liegt das Geheimnis der Homöopathie vielleicht ganz woanders?
Nach Ansicht der Schulmedizin sollte sich jede Heilwirkung am Goldstandard der modernen evidenzbasierten Medizin messen: der doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studie. So heißen Untersuchungen, bei denen weder Patient noch Arzt wissen, ob sie das echte Medikament oder ein Placebo (Scheinmedikament) bekommen beziehungsweise verabreichen und der Zufall über die Gruppenaufteilung entscheidet.
Als methodisch rigoros gilt etwa eine aktuelle Studie des Kinderarztes Heiner Frei von der Universität Bern. Er fand einen Effekt bei der homöopathischen Behandlung einer allerdings kleinen Gruppe von 62 hyperaktiven Kindern. Zumindest widerlegte Frei die Ansicht vieler Homöopathen, ihr individueller Behandlungsansatz lasse sich nicht in einer standardisierten Doppelblindstudie prüfen. Freis Lösung: Vor der eigentlichen Untersuchung ließ er die Kinder diagnostizieren und das richtige individuelle Medikament bestimmen. Erst dann wurde in die beiden Gruppen aufgeteilt. Jetzt müssen sich die Ergebnisse in Folgestudien anderer Forscher beweisen.
Das ist ein Knackpunkt, denn erfahrungsgemäß lassen sich homöopathische Studien schlecht replizieren. Migräne etwa galt früher als klassische Indikation. Als Psychologe Walach eine der bislang größten und sorgfältigsten Doppelblindstudien der Homöopathie zur Kopfschmerzbehandlung durchführte, schlich sich der Effekt davon.
Das "Ende der Homöopathie" verkündete gar die renommierte Fachzeitschrift "Lancet" im August 2005 anlässlich der Publikation der angeblich definitiven Metaanalyse. Eine Forschungsgruppe um den Epidemiologen Matthias Egger von der Universität Bern hatte mit neuesten statistischen Methoden alle verfügbaren kontrollierten Homöopathiestudien bewertet und war zu dem Resultat gekommen, dass kein Heileffekt nachzuweisen sei, der über jenen des Placebo hinausginge.
Der Kommentar erscheint allerdings ein wenig drastisch, wenn man weiß, dass die Berner Medizinstatistiker nur acht von 110 begutachteten Studien für gut genug befanden, um sie in die Metaanalyse aufzunehmen, sich diese zudem auf unterschiedliche Indikationen von Muskelkater bis zu Krebs bezogen. "Aus diesen Ergebnissen solch weit reichende Schlussfolgerungen zu ziehen ist vollkommen unangemessen", schimpft Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München, einer der wenigen Experten, der sich zwischen den Lagern bewegt.
Linde hatte 1997 mit einer anderen, ebenfalls im "Lancet" veröffentlichten Metaanalyse Furore gemacht, als er folgerte, dass man die Effekte der Homöopathie "nicht völlig" auf Placebo zurückführen könne. Heute gesteht er: "Ich bin verwirrt." Zwar zweifle auch er zunehmend an der spezifischen Wirkung der Globuli, aber dann beeindruckten ihn doch wieder diese Geschichten. "Da geht einer wochenlang zum Homöopathen, nichts ändert sich. Dann wechselt er das Mittel, und etwas Drastisches passiert. Wie erklärt man das?" Und er bleibe dabei: Die Heilerfolge in der Praxis seien nicht zu bestreiten.
Der Widerspruch könnte sich zumindest teilweise auflösen, wenn man eine für viele klassische Homöopathen unangenehme Folgerung zieht. Nicht die Globuli, sondern das gesamte therapeutische Setting sei für den klinischen Erfolg verantwortlich: die Anamnese, die Ratschläge zur Lebensführung, die vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient, der Glaube an das Medikament. Gerade dieses Vertrauen ist in der Doppelblindstudie gestört, wenn weder Therapeut noch Kranker wissen, ob sie gerade mit Placebos hantieren. Sogar Statistiker Rainer Lüdtke von der Carstens-Stiftung kommt in einem noch unpublizierten Forschungsbericht zu einer ähnlichen Einsicht: "Das Grundkonzept der Homöopathieforschung, die allgemeine Wirksamkeit der Homöopathie an der isolierten Wirksamkeit der homöopathischen Arzneimittel festzumachen, muss insgesamt als gescheitert angesehen werden."
Eine solche Einsicht bedeutet nicht das Ende aller Homöopathie. "Man könnte statt Placebo ja auch Stimulation der Selbstheilungskräfte sagen", bestätigt Linde. Denn ein Placeboeffekt bedeutet ja nicht eingebildete Heilung, sondern tatsächliche, objektiv messbare Besserung dank freundlicher Unterstützung des eigenen Geistes. Glaubt ein Parkinson-Patient an die Therapie, setzt er tatsächlich selber mehr heilsames Dopamin frei. Allein die Erwartung beeinflusst den Schmerz. Eine weitere Studie wies nach, dass selbst eine durch einen blutigen Schnitt nur simulierte Knieoperation bei einer Arthrose hilft. Und ja doch: Doppelblindstudien zeigen, dass der Placeboeffekt auch bei Kindern und Hunden wirkt.
Die Medizin der Zukunft sollte den Selbstheilungseffekt also nicht abtun, sondern vielmehr überlegen, wie sie ihn optimal nutzt, empfiehlt Linde. Zwar ist seine Wirkungsweise noch wenig verstanden, doch mehren sich Hinweise, dass es hier nicht einfach um den stets gleich starken Effekt jeglicher Therapie handelt. So wirkt etwa Placebo-Akupunktur besser als Placebopillen. Es könnte sein, dass Homöopathen intuitiv besser verstanden haben, wie man die Selbstheilungskräfte des Menschen in Gang setzt. Davon könnte die Schulmedizin lernen, denn der alte Spruch gilt immer noch: Wer heilt, hat Recht.
Christian Weber / Mitarbeit: Martin Tapparo |