DHU Pressekonferenz im November 2021

Homöopathie ist patientenzentrierte und wissenschaftsbasierte Medizin

„Wer heilt, hat recht. Wie wissenschaftlich ist die Homöopathie wirklich?“ So lautete der Titel der DHU Pressekonferenz Im November 2021. Er bezog sich auf die aktuelle, polarisierte Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Homöopathie als medizinische Therapie. „Wer heilt, hat Recht“ traf und trifft auf „Es gibt keine wissenschaftliche Rechtfertigung für die Anwendung“. Doch ein Blick auf das Leitbild der Evidenz-basierten Medizin, die medizinische Praxis und die Studienlage zeigen eine konstruktive Auflösung: Homöopathie ist als patientenzentrierte und wissenschaftsbasierte Therapieform wertvoller Teil einer integrativen Medizin.  

Professor David Sackett (1934-2015) entwickelte das Modell der Evidenz-basierten Medizin, um Medizinern zu helfen, die beste Therapie-Entscheidung für den individuellen Patienten zu finden. Sackett definierte die EBM als „der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Die Praxis der EbM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestverfügbaren externen Evidenz aus systematischer Forschung.“1   

Misst man die Homöopathie mit EBM-Maßstäben, wird sofort eine hohe interne Evidenz augenscheinlich: Es gibt tausende ausgebildete Therapeuten mit langer Therapie-Erfahrung und Millionen zufriedener Anwender. 54 Prozent der deutschen Bundesbürger über 18 Jahren haben schon Homöopathie genutzt. Gut zwei Drittel sind mit der Wirksamkeit und Verträglichkeit zufrieden oder sehr zufrieden. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung bedeutet das: Rund 30 Mio. Deutsche nutzen Homöopathie.2

Dr. Katharina Gaertner, Ärztin und Wissenschaftlerin, und Rachel Roberts, Geschäftsführerin des in London ansässigen internationalen HRI (Homeopathy Research Institute), zeigten in ihren Vorträgen, welche aktuellen Studien und welchen wissenschaftlichen Erkenntnisstand es zur Homöopathie gibt und räumten mit so manchem Missverständnis auf. 

Denn was Evidenz im Sinne einer Messung der therapeutischen Effekte mit modernen wissenschaftlichen Methoden angeht, so gibt es aus allen Bereichen der Forschung Studien, die zeigen, dass Homöopathie wirkt – über Placebo hinaus: Sei es in der Grundlagenforschung, wie z.B. in Experimenten mit Wasserlinsen3, oder in in vitro Untersuchungen4, bis hin zu randomisierten und Placebo-kontrollierten (RCT-)Studien zur Homöopathie für verschiedene Indikationen: Zu Ende 2020 lagen 233 RCT-Studien zu 129 Beschwerdebildern vor und 140 doppelt-verblindete Studien zu 87 verschiedenen Beschwerdebildern, die mit Homöopathie behandelt wurden.5

Fazit: Homöopathie kann sowohl für sich alleine als auch in Kombination mit anderen Methoden angewandt werden, im Sinne einer verantwortungsvollen und integrativen Medizin. Homöopathie ist ein Therapiesystem, das den einzelnen Menschen und seine individuellen Gesundheitsbedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Ihre Anwendung ist wissenschaftlich begründbar.

[1] www.cochrane.de/de/sackett-artikel: Übersetzung des Originaltextes von Sackett et al. „Evidence-based medicine: What it is and what it isn't”, Brit. med. J. 312 [1996] 71-72. 
[2] www.dhu.de/presse/forsa-umfrage-zur-homoeopathie-2021.html 
[3] www.bdh-online.de/homoeopathie-video-fasst-wasserlinsen-experiment-verstaendlich-zusammen/ 
[4] www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/a-1404-3344    
[5] www.hri-research.org/2021/10/2020-placebo-controlled-trial-data-update/ 

  • Interview mit Dr. med. Markus Wiesenauer

    Dr. med. Markus Wiesenauer ist Facharzt für Allgemeinmedizin in eigener Praxis mit den Zusatzqualifikationen Homöopathie, Naturheilverfahren, Umweltmedizin. Er hat zahlreiche Ratgeber und Fachbücher zu Homöopathie veröffentlicht und ist in der Fachgruppen-Fortbildung für Apotheker und Ärzte tätig.  

    Wer heilt, hat recht – wie bewerten Sie dieses Motto unserer Pressekonferenz?
    Das Wichtige an diesem Satz ist nicht das „Recht haben“, sondern die Frage: Gibt es eine „Heilung“ oder Linderung? Ist die Antwort ja, ist das ein Erfolg – ganz gleich wie der Weg dahin – sprich die Methode oder Therapie – war. „Heilen“ ist ein großes Wort, man sollte es meines Erachtens nicht eindimensional betrachten. Kein Arzt oder Therapeut kann „heilen“ – wir können nur darauf hinwirken. Ein Heilungserfolg ist immer ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Diese liegen teils innerhalb des Patienten – Stichwort Selbstheilungskräfte -, teils aber auch außerhalb. Das ist ein komplexes Zusammenspiel. Doch natürlich spielen medizinische Interventionen eine wichtige Rolle. Und die müssen zum jeweiligen Patienten und seiner Situation passen. Das gerät in der konventionellen Medizin häufig in den Hintergrund. Die Stärke der Homöopathie ist entsprechend aus meiner Sicht, dass das Individuelle des Menschen im Zentrum steht.

    Wie sind Sie zur Homöopathie gekommen?
    Während meines Pharmaziestudiums habe ich zwei Jahre in einer Apotheke gearbeitet. Die Apotheke führte auch Homöopathie – rund 1.000 Mittel, vor allem Einzelmittel. Dort habe ich die pharmazeutische Herstellung homöopathischer Arzneien von der Pike auf gelernt. Durch die Tätigkeit in der Apotheke kam ich auch mit Patienten in Kontakt. Es gab dort solche, die nur schulmedizinische Arzneimittel nutzen, aber auch viele, die eine komplementäre Behandlung in Anspruch nahmen. Ich beobachtete, dass es den Patienten, die homöopathisch behandelt wurden, schneller und nachhaltiger besser ging. Das hat mich neugierig gemacht. Und natürlich haben mich auch die Rückmeldungen seitens der Patienten beeindruckt. Und so schloss ich nach dem Pharmaziestudium noch ein Medizin-Studium an. Nach beiden Studien ging es weiter mit der fachärztlichen Weiterbildung, natürlich auch zu Homöopathie. Schließlich eröffnete ich eine eigene Praxis, in der ich nun seit 32 Jahren tätig bin.

    Was ist für Sie das Besondere an der homöopathischen Therapieform?
    Ich schätze die Homöopathie als Therapieform, mit der man den Menschen in seiner Gesamtheit statt nur einzelner Organe behandeln kann. Genial finde ich auch, dass man Homöopathie bei akuten wie auch chronischen Beschwerden ohne Wechsel- und Nebenwirkungen einsetzen kann. Und Homöopathie funktioniert auch wunderbar in Kombination mit konventionellen Maßnahmen. Überzeugend finde ich die hervorragenden Behandlungserfolge bei Kindern und bei Tieren. Kritiker behaupten gerne, die würden alle durch „Zuwendung“, „Streicheleinheiten“ oder „Spontanheilung“ gesund. Doch in der Regel merken sie ja gar nicht, dass sie homöopathisch behandelt werden!

    Welche Fälle haben Sie besonders beeindruckt?
    Es gibt manchmal Fälle, wo ich als Arzt anfangs denke: Kann ich hier wirklich homöopathisch helfen? Eine 16-jährige Neurodermitis-Patientin, die mit ihren Eltern zu mir kam, war so ein Fall. Sie trug Salbenverbände und litt extrem. Die Eltern wollten nicht, dass die Tochter stationär in die Hautklinik muss. Doch ich vereinbarte mit ihnen, dass es nur einen kurzen homöopathischen Interventionsversuch geben würde – sollte der nicht fruchten, wäre das leider unumgänglich. Ich verordnete dem Mädchen also ein homöopathisches Mittel, das genau zu ihren Beschwerden passte. Und nach nur einem Wochenende hatte sich der Zustand des Mädchens deutlich verbessert. Das war nach den jahrelangen und heftigen Beschwerden eine Sensation! Inzwischen hat sich ihr Hautbild dank Homöopathie dauerhaft stabilisiert und sie kann ein normales Leben führen.

    Ein wiederkehrendes Szenario ist, wenn schulmedizinisch „austherapierte“ Patienten mit einer Funktionsstörung zu mir kommen: Der Patient klagt dann beispielsweise über Magenschmerzen und Sodbrennen. Er wurde konventionell behandelt, erhielt eine Magenspiegelung, aber es fiel diagnostisch nichts auf: Er hat keinen Heliobacter und auch keinen Reflux, doch kein Protonenpumpenhemmer oder Psychopharmakon zeigt Wirkung und die Beschwerden bleiben. Ich verschreibe ein homöopathisches Mittel und die Beschwerden verschwinden in kurzer Zeit und dauerhaft. Für den Patienten ist das wie ein Wunder. Für mich ist das auch immer beeindruckend, aber zugleich logisch: Denn Homöopathie hilft dem Körper, sich wieder besser selbst zu regulieren.

    Nehmen Kollegen aus der Schulmedizin Ihren Rat ebenfalls in Anspruch?
    Mir werden von Kollegen oft Patienten überwiesen, die Asthma bronchiale, chronische Darmerkrankungen oder gar Krebs haben. Hier geht es für mich immer um die Frage: Wie kann ich mit Homöopathie unterstützen? Das ist ein respektvolles Miteinander, ganz im Sinne der integrativen Medizin.

    Andere schulmedizinisch ausgebildete Fachkreis-Kollegen haben hingegen Vorbehalte. Doch mitunter gibt es dann umso schönere Aha-Erlebnisse. Ein bemerkenswerter Fall war der eines 12 Jahre alten Jungen, der um den ganzen Mund herum Dellwarzen, sogenannte Schwimmbadwarzen, hatte. Seine Mutter war Apothekerin und bekannte eingangs klar, dass sie nichts von Homöopathie halte. Sie komme allein ihres Sohnes willen, Haut- und Kinderarzt seien mit ihrem „Latein am Ende“. Ich behandelte den Jungen homöopathisch und schlug der Mutter vor, bei Bedarf wiederzukommen. Doch ich hörte nichts mehr von den beiden. Einige Jahre später – ich gab eine Weiterbildung in Homöopathie – entdeckte ich im Auditorium genau jene Frau. Sie erzählte mir in der Pause, dass ihr Sohn kurze Zeit nach meiner homöopathischen Behandlung keine Warzen mehr gehabt habe. Das habe sie tief beeindruckt und deshalb mache sie nun die homöopathische Zusatzausbildung.

    Die Homöopathie wird oft als unwissenschaftlich dargestellt. Wie sehen Sie das?
    Evidenz ist nicht gleichbedeutend mit Placebo-kontrollierten Doppelblindstudien. Der Evidenz-Begriff wurde von Professor David Sackett geprägt. Er beschrieb drei Säulen der Evidenz, nur eine davon ist durch Studien geprägt. Genauso wichtig sind jedoch die Erfahrung des Therapeuten und die des Patienten! 

    Wenn man betrachtet, wie akribisch in der Homöopathie die Fallaufnahme ist, so hat das für mich sehr viel mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu tun. Hahnemann, der Begründer der Therapieform, war damit seiner Zeit weit voraus. Und auch heute würde man sich von der konventionellen Medizin oft mehr Blick auf Details und Zusammenhänge wünschen. Die Vorgehensweisen zur Diagnose und individuellen Mittelfindung sind in der Homöopathie jedenfalls sehr genau definiert. Bei all dem sollte man aber nicht vergessen, dass Medizin eine Erfahrungswissenschaft und keine Naturwissenschaft ist. Ich würde eher auf meine Bücher als meine 32-jährige Erfahrung als Arzt verzichten! 

    Welche Bedeutung hat Integrative Medizin aus Ihrer Sicht?
    Integrative Medizin bejaht den Methodenpluralismus. Medizin ist wie Mannschaftssport: Es gibt unterschiedliche Player mit unterschiedlichen Fähigkeiten, aber alle sorgen gemeinsam dafür, das Spiel zu gewinnen. Durch komplementäre Therapien erhalten wir multimodale Behandlungsoptionen. Das Ganze, der Mensch in seiner Ganzheit ist wichtig, nicht nur ein Teil von ihm. Das eine tun ohne das andere zu lassen – das ist für mich Toleranz. Insofern ist Integrative Medizin auch tolerante Medizin.

    Herr Dr. Wiesenauer, welchen Therapieansatz verfolgen Sie?
    Ich finde es wichtig, den Fokus beim Patienten zu haben: Was kann ich als Arzt tun, damit es diesem Menschen wieder besser geht? Die „Gesundheit“ muss dabei ganzheitlich und individuell betrachtet werden – und genau das tut die Homöopathie. Alles im Körper und der Psyche hängt zusammen. Krankheiten zeigen, dass irgendwo ein Ungleichgewicht vorliegt und das ist ein wichtiges Signal. Die Homöopathie sucht nach den Zusammenhängen und den Ursachen. Ein interessanter Nebeneffekt: Oft geben uns Krankheiten – vor allem chronische Beschwerden – so auch Impulse, etwas im eigenen Leben zu ändern. 

    An der Homöopathie finde ich so wertvoll, dass auch viel Wert auf gesunde Lebensführung und eine achtsame Wahrnehmung von Veränderungen gelegt wird. Denn die wahre Kunst ist doch, Erkrankungen möglichst vorzubeugen. Ich finde es immer wieder spannend, wie viel man durch Homöopathie über sich selbst und für das Leben lernen kann! Und als Arzt freue ich mich, eine Methode zur Hand zu haben, mit der ich Patienten in den allermeisten Fällen effektiv helfen kann.

    November 2021

    Interview mit Dr. med. Katharina Gaertner

    Dr. med. Katharina Gaertner ist als Ärztin hausärztlich in der Schweiz tätig. Sie hat im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit, unter anderem an Universitätskliniken in Wien, Bern und Berlin, etliche Studien zur Homöopathie begleitet und analysiert. 

    Sie haben an einer Studie der Arbeitsgruppe um Univ.-Prof. Dr. Michael Frass im AKH Wien mitgewirkt, die Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs, dem sogenannten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom im Stadium IV, untersuchte. Die Patienten erhielten zusätzlich zur Chemotherapie und Strahlentherapie homöopathische Arzneimittel. Was ist das Ergebnis? 
    In dieser Studie erhielten je ca. 50 Patienten individuelle homöopathische Therapie oder Placebo zusätzlich zur konventionellen Krebstherapie. Weitere 50 Patienten wurden ohne zusätzliche Intervention zur Standardtherapie hinsichtlich der Überlebenszeit beobachtet. 

    Nach 9 und 18 Wochen Behandlung mit Homöopathie oder Placebo zeigt sich anhand validierter Fragebögen eine hoch signifikant verbesserte Lebensqualität und hoch signifikant verringerte Symptomlast – also Übelkeit, Schmerzen, Schlafstörungen und anderes – in der Gruppe, die Homöopathie erhielt gegenüber den Patienten, die Placebo erhielten. 

    Die mediane Überlebenszeit lag in der Gruppe, die Homöopathie erhielt bei 435 Tagen, also knapp 1,5 Jahre, und damit wiederum signifikant mehr als in der Gruppe, die Placebo oder keine Therapie erhielt: Patienten in der Placebogruppe lebten im Median 257 Tage, also knapp 9 Monate, und Patienten in der Kontrollgruppe ohne Therapie sogar nur 228 Tage, also etwa 8 Monate. 

    Skeptiker sagen, Homöopathie wirke nicht über den Placebo-Effekt hinaus. Was erwidern Sie?
    Woher nehmen die Skeptiker diese Information? Die Datenlage zeigt bei sachgemäßer Anwendung der Homöopathie wiederholt deutliche Effekte über Placebo hinaus. Entsprechend zum Beispiel der obigen Ergebnisse wird die zusätzliche homöopathische Behandlung bei Krebspatienten mit dem Evidenzgrad 2b in einer Leitlinie zur komplementärmedizinischen Behandlung von onkologischen Patienten empfohlen.

    Sie sind Ärztin, aber auch Wissenschaftlerin und forschen seit vielen Jahren zu Homöopathie. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass manche behaupten, die Homöopathie sei unwissenschaftlich? 
    Haltbar ist diese Behauptung nicht: Denn zum einen wird wissenschaftlich zur Homöopathie geforscht und zum anderen richten sich alle akademisch zur Homöopathie arbeitenden Forschungsgruppen bei der Vorgehensweise und der Überprüfung von Behandlungsergebnissen strikt nach den gültigen Regularien für klinische Studien. Insofern sind auch die Ergebnisse wissenschaftlich valide. 

    Ich denke also, dass bei Vorbehalten gegenüber der Homöopathie hauptsächlich Unsicherheiten und auch Unwissen eine Rolle spielen. Bei manchen spielt sicher die Angst vor dem Unbekannten eine Rolle: Wir können den Wirkmechanismus noch nicht wissenschaftlich erklären. Mehr als ein halbes Jahrhundert kannte man aber beispielsweise auch den Wirkmechanismus für das häufig eingesetzte Aspirin noch nicht. Und auch wenn es mit der Homöopathie wohl komplizierter ist, da es sich offenbar um eine ganz andere Art von Wirkmechanismus handelt, bin ich sicher, dass beharrliches Weiterforschen auch hier eine Antwort bringen wird. 

    Die Grundlagenforschung zur Homöopathie weist bereits einige Experimente auf, die eine Wirkung homöopathischer Präparate über Placebo zeigen und die durch voneinander unabhängige Forschungsgruppen wiederholt wurden. Hier gilt es, weiter zu forschen: Die dadurch entstehenden Erkenntnisse werden es uns gemeinsam mit den klinischen Erfahrungen irgendwann ermöglichen, die offenen Fragen zum Wirkmechanismus zu klären.

    Die homöopathische Wirkweise wissenschaftlich erklären zu können, ist eine Sache. Den Effekt einer Behandlung wissenschaftlich zu dokumentieren, eine andere. Letztere ist jedoch für praktisch arbeitende Ärzte und im klinischen Kontext höchst relevant. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die „Übersetzung“ klinischer Studien hin zum ärztlichen Alltag gelingt?
    Für Ärzte sind Leitlinien wichtig, um möglichst schnell eine objektiv möglichst gute Behandlung auszuwählen. Viele haben Angst vor Behandlungsfehlern, wenn homöopathische Behandlungsrichtlinien für spezifische Erkrankungen fehlen. Jede Behandlung – gleich ob homöopathisch oder nicht – kann erfolgreich oder nicht erfolgreich ausfallen; als praktisch arbeitende Ärzte sind wir verantwortlich, dass keine wichtigen diagnostischen oder therapeutischen Schritte verpasst werden. 

    Die Verankerung und genaue Beschreibung homöopathischer Behandlungsoptionen in den Leitlinien für bestimmte Erkrankungen ist aus meiner Sicht daher wichtig, um Ärzten mehr Entscheidungssicherheit zu bieten. Für die komplementäre Behandlung von onkologischen Erkrankungen hat dies, wie bereits erwähnt, erfreulicherweise ja gerade stattgefunden. Untersuchungen wie die eingangs beschriebene Studie unserer Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Frass sind für die Aufnahme der Homöopathie in Leitlinien eine Voraussetzung. Es ist daher meines Erachtens sehr wichtig, das Wissen um die klinische Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen durch weitere Forschungsarbeiten auszubauen. 

    Sie führen systematische Reviews und Meta-Analysen in Bezug auf Homöopathie durch. Welche wesentlichen Erkenntnisse ziehen Sie aus Ihrer Arbeit?
    Die Studien zu homöopathischen Präparaten und Interventionen sind sehr heterogen: Einerseits basieren die Studien auf verschiedenen homöopathischen Behandlungsmethoden – zum Beispiel wurden Komplexmittel eingesetzt, um bewährte Indikationen abzuprüfen und gleichzeitig wurde etwa eine individuelle ärztliche homöopathische Behandlung für dieselbe Erkrankung untersucht. Solche Ergebnisse sind dann schwer vergleichbar und können nur unter bestimmten Voraussetzungen in Meta-Analysen zusammengefasst werden.

    Andererseits beschäftigen sich die Studien mit sehr unterschiedlichen Fragestellungen – also verschiedensten Indikationsgebieten. Einige klinische Felder sind bereits gut hinsichtlich der homöopathischen Therapie erforscht und die Datenlage ist aussagekräftig. Dies gilt z.B. für die begleitende Behandlung im Rahmen von Krebstherapie, Allergien, das kindliche Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS), akute Infektionserkrankungen oder Depressionen, aber auch Bluthochdruck oder Asthma. In anderen Gebieten, wie zum Beispiel einige chronisch entzündliche Erkrankungen, Diabetes, urologische Erkrankungen und vieles mehr gibt es nur sehr wenige Studien. 

    Daher ist die Evidenzlage zu verschiedensten Gebieten recht unterschiedlich zu bewerten. Zudem sind viele Studien – vermutlich aus Budgetgründen – oft recht klein und robuste Ergebnisse ließen sich nur durch eine große Menge an Studien generieren. Dies wiederum veranlasst mich dazu, zu unterstreichen, wie wichtig die universitäre Verankerung der Forschung zu Homöopathie ist: Einerseits, um unabhängig forschen zu können und andererseits, um insgesamt eine größere Datenbasis zu einzelnen Indikationen und Interventionen zu bekommen. 

    Wer heilt, hat recht – können Sie diesen Satz unterschreiben?
    Mit diesem Satz habe ich etwas Schwierigkeiten, da „heilen“ ein sehr großes Wort ist. Die meisten Kliniker und niedergelassenen Ärzte wissen aus Erfahrung, das Heilung nur durch das Zusammentreffen vieler günstiger Faktoren geschieht. Das Immunsystem, die Lebensumstände, die Lebensweise und die Einstellungen des oder der jeweiligen Patientin spielen gleichermaßen eine Rolle wie die passende Therapie. Diese Therapie gilt es, jeweils individuell bestmöglich anzupassen – und das unterstützt dann einen möglichst gesunden Zustand beziehungsweise den Prozess der Heilung beim Patienten. 

    November 2021

    Interview mit Rachel Roberts

    Rachel Roberts ist Hauptgeschäftsführerin des Homeopathy Research Institute (HRI) in London.

    Sie sind Diplom-Biologin und haben einen Ehrendoktortitel. Wie sind Sie zur Homöopathie gekommen?
    Ich war eine 21-jährige engagierte Studentin der Naturwissenschaften, kurz davor eine Promotion in Neurowissenschaften zu beginnen, als Ereignisse mein Leben in eine völlig unerwartete Richtung lenkten. Damals hielt ich alle Formen der Komplementärmedizin für absoluten Blödsinn − insbesondere die Homöopathie −, aber gleichzeitig erlebte ich plötzlich die erheblichen Begrenzungen der konventionellen Medizin. Obwohl ich alle möglichen Behandlungen ausprobiert hatte, konnte mir kein Arzt bei meinem Gesundheitsproblem (schmerzhafte Neurome in den Füßen) und auch nicht bei denen meines Vaters oder meines Bruders helfen. Das schockierte mich, denn bis dahin hatte ich wirklich geglaubt, dass die moderne Medizin in den 1990er Jahren auf fast alles eine Antwort hatte. 

    In meiner Verzweiflung überredete mich ein Freund, eine Heilpraktikerin aufzusuchen. Sie wandte verschiedene Techniken an und erreichte in einer Sitzung mehr als alle Ärzte, die ich über mehrere Jahre hinweg aufgesucht hatte. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, dass es mir besser ging, und dem Schock, dass diese Frau, die keine Ärztin war, mir tatsächlich geholfen hatte! 

    Der letzte Schritt war ein Gespräch bei einer Dinnerparty, das den Verlauf meiner Karriere änderte. Eine Frau, die ich schon mein ganzes Leben lang kannte, erzählte, dass sie über viele Monate an erschöpfenden postviralen Symptomen gelitten habe und kein Arzt ihr helfen konnte. Ihre Tochter drängte sie hartnäckig, ihren Homöopathen aufzusuchen. Obwohl sie die Homöopathie für "lächerlich" hielt, willigte sie schließlich in einen Termin ein, nur um den Familienstreit zu beenden. Sie erhielt eine einzige Tablette, und zu ihrer völligen Überraschung fühlte sie sich innerhalb weniger Tage deutlich besser. Bei einem Folgetermin einen Monat später wurde ihr eine zweite Tablette verabreicht, die die Beschwerden „vollständig verschwinden“ ließ. 

    Ich gebe zu, dass ich diesen Abend ruiniert habe. Ich befragte sie zu jedem Detail ihrer Diagnose, zu früheren Behandlungen, zum Zeitplan, zu allem. Ich dachte es logisch durch - sie war intelligent, sie fabulierte nicht, sie hatte zuvor keine Offenheit für alternative Medizin und ihre Skepsis hätte den Placebo-Effekt abgeschwächt.

    Ich war immer noch am Zweifeln, aber es faszinierte mich genug, um mich einmal auf einen lebensverändernden Gedankengang einzulassen: Nehmen wir an, diese Geschichte wäre wahr. Was wäre, wenn eine oder zwei homöopathische Tabletten tatsächlich die Gesundheit wiederherstellen konnten, auch wenn die konventionelle Medizin dies nicht vermochte? Was würde das für die Patienten bedeuten? Für die Zukunft der Medizin? War das wirklich möglich?

    Und so ging ich am nächsten Tag in die größte Buchhandlung meiner Stadt und kaufte das erste Lehrbuch über Homöopathie, das ich finden konnte - geschrieben von einem deutschen Arzt. Er beschrieb darin seine erfolgreiche Behandlung von Patient zu Patient, als sei die homöopathische Medizin das Normalste der Welt. Und das war's. Meine wissenschaftliche Neugierde ließ mich nicht mehr zurückkehren. Ich brach meine geplante Promotion ab und schrieb mich stattdessen für einen dreijährigen Vollzeitkurs zur Ausbildung in Homöopathie ein.

    Sie haben als Homöopathin gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Homöopathie gemacht?
    In Großbritannien ist es ein wenig anders als in Deutschland. Neben Naturheilkundlern gibt es auch spezielle 3-4-jährige Ausbildungskurse in Homöopathie, die sowohl für Nicht-Mediziner als auch für Ärzte offen sind. Das war meine Ausbildung, und ich war von 1997-2012 in einer privaten Allgemeinpraxis in London tätig. Außerdem war ich über 10 Jahre lang Dozentin für Homöopathie an verschiedenen Ausbildungsstätten für Heilkundler im Vereinigten Königreich und in Übersee.

    Was ist das HRI und was ist Ihre Aufgabe dort?
    Das HRI ist ein gemeinnütziger Verein, der sich der Förderung qualitativ hochwertiger Forschung im Bereich der Homöopathie auf internationaler Ebene widmet. Unsere Arbeit konzentriert sich auf zwei Schwerpunkte: neue, gründliche Studien zu ermöglichen und über die vorhandene Evidenzbasis präzise aufzuklären. HRI wurde von einem Physiker, Dr. Alexander Tournier, gegründet, der zuvor am renommierten Forschungsinstitut „Cancer Research UK" gearbeitet hatte und interdisziplinäre Forschung an den Grenzen zwischen Mathematik, Physik und Biologie betrieb. Ich bringe als Geschäftsführerin meine Erfahrung in den klinischen, akademischen und politischen Aspekten der Homöopathie ein, um Alex' wissenschaftliche Expertise zu ergänzen. 

    Ich bin für das Tagesgeschäft und die strategische Ausrichtung des gemeinnützigen Vereins verantwortlich, aber meine besondere Leidenschaft ist es, mit Fehlinformationen über die Evidenzlage zur Homöopathie aufzuräumen. 

    Im Zeitalter der "Fake News" sehen wir dauernd, dass in den Mainstream-Medien und im Internet völlig falsche Informationen über die Homöopathie kursieren. Das ist nicht nur frustrierend für diejenigen, die sich mit dem Thema auskennen. Sondern auch potenziell schädlich für die Patienten, da es jemanden von der Homöopathie abschrecken kann, obwohl er von dieser Form der Behandlung profitieren könnte.

    Ich hoffe daher, dass meine Bemühungen präzise Informationen öffentlich zur Verfügung zu stellen, es den Patienten ermöglicht, eine wirklich fundierte Entscheidung über die zur Verfügung stehenden Gesundheitsoptionen zu treffen.

    Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass der Wirkmechanismus der Homöopathie noch nicht erklärt werden kann?
    Wie genau homöopathische Arzneimittel wirken, ist die "Millionen-Dollar-Frage", und es gibt mehrere Forschungsteams auf der ganzen Welt, die diese Frage untersuchen. Wie die meisten Menschen wissen, werden einige homöopathische Arzneimittel über den Punkt hinaus verdünnt, an dem man erwarten würde, dass irgendwelche Moleküle übrigbleiben. Und dennoch sehen wir, dass diese Arzneimittel in Laborstudien an Kaulquappen1, Fischen2, weißen Blutkörperchen3 und Pflanzen4 sowie in klinischen Studien am Menschen5 biologische Wirkungen haben.

    Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass homöopathische Arzneimittel nicht auf die gleiche Weise wirken können wie herkömmliche Arzneimittel. Und die Art der oben genannten Laborstudien schließt aus, dass es einen Placebo-Effekt im Spiel ist. Es muss also ein neuer Wirkmechanismus im Spiel sein.

    Bei der Herstellung von homöopathischen Arzneimitteln werden diese nicht nur verdünnt, sondern die Probe mit dem ursprünglichen Wirkstoff (z. B. eine Pflanze oder ein Mineral) wird zwischen den einzelnen Verdünnungsschritten mindestens 10-mal heftig geschüttelt. Diese sogenannte „Verschüttelung“ erzeugt extreme Kräfte im Inneren des Fläschchens - genug, um Moleküle aus dem Inneren des Glasgefäßes in die Flüssigkeit zu reißen. Tatsächlich wird dieser Effekt in der konventionellen Medizin untersucht. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die entstehenden G-Kräfte die Proteine des Medikaments verändern können, wenn man ein Fläschchen oder eine Spritze versehentlich fallen lässt6

    Dieser Stripping-Effekt allein reicht jedoch nicht aus, um die Homöopathie zu erklären. Es stellt sich also die Frage, welche anderen physikalisch-chemischen Veränderungen durch die Verschüttelung hervorgerufen werden. Und wie dadurch spezifische Informationen der ursprünglichen Substanz in die umgebende Flüssigkeit übertragen werden können - und zwar in einer Weise, die den Verdünnungsprozess übersteht. Die Beantwortung dieser Frage könnte der Schlüssel zum Verständnis sein, wie homöopathische Arzneimittel selbst bei starker Verdünnung biologisch aktiv bleiben.

    Das HRI hat Grundlagenforschungsprojekte mitfinanziert, um zu den weltweiten Bemühungen um die Erforschung des Wirkmechanismus zu unterstützen. Dazu gehörte beispielsweise eine dreijährige Zusammenstellung und Analyse aller bisher zu diesem Thema durchgeführten Versuche7. Diese Studie hat uns geholfen, besser zu verstehen, warum einige Experimente in der Vergangenheit erfolgreich Unterschiede zwischen homöopathischen Arzneimitteln und Placebo zeigten, während dies in anderen nicht der Fall war. Diese Erkenntnisse fließen in künftige, methodisch verbesserte Untersuchungen ein und beschleunigen so den Fortschritt in diesem Forschungsgebiet.

    Ich freue mich auf den Tag, an dem der Wirkmechanismus endlich nachgewiesen wird. Dies würde nicht nur meine eigene wissenschaftliche Neugier stillen, sondern auch die Akzeptanz homöopathischer Arzneimittel erhöhen und somit mehr Patienten zugutekommen.

    Ich möchte jedoch auch daran erinnern, dass man nicht verstehen muss, wie ein Arzneimittel wirkt, um es anwenden zu können. Es gibt viele Beispiele für konventionelle Arzneimittel, die jahrelang verwendet wurden, bevor wir überhaupt wussten, wie sie funktionieren - darunter Aspirin und Anästhetika, um nur zwei zu nennen. Solange Arzneimittel sicher und wirksam eingesetzt werden können, ist die Frage, wie sie funktionieren, eine zweitrangige Forschungs-Angelegenheit.

    Wo sehen Sie die Grenzen der Homöopathie?
    Kein medizinisches System kann jedes klinische Szenario bei jedem Patienten abdecken, und die Homöopathie ist da keine Ausnahme. Es ist wichtig, dass komplementäre Ansätze wie die Homöopathie neben der konventionellen Medizin eingesetzt werden, und dass immer die am besten geeignete Option verwendet wird. In bestimmten Situationen - am offensichtlichsten bei Krebspatienten oder bei chirurgischen Eingriffen - ist die Schulmedizin unverzichtbar. Aber auch in diesen Fällen kann die Homöopathie eine hervorragende Unterstützung sein und bei Nebenwirkungen und Genesungszeiten helfen. Dieser integrierte Ansatz ist optimal für die Patienten, die so von den Vorteilen beider Ansätze profitieren können. 

    Eine Studie des Royal London Homeopathic Hospital in London8, in der 500 Patienten beobachtet wurden, zeigt, wie die beiden Disziplinen je nach Diagnose auf unterschiedliche Weise zusammenpassen. Die Studie ergab, dass die homöopathische Behandlung bei vielen Patienten zu einer Verringerung der Einnahme von konventionellen Medikamenten führte, wobei dies jedoch je nach Diagnose variierte, d. h. 72 % der Patienten mit Hautbeschwerden konnten ihre konventionellen Medikamente absetzen oder reduzieren, während bei Krebspatienten erwartungsgemäß keine Verringerung der Medikation zu verzeichnen war.

    Warum ignorieren die Kritiker die wissenschaftliche Forschung zur Homöopathie?
    In der Regel liegt das daran, dass sie die Forschung nicht aus erster Hand kennen und die Homöopathie selbst kaum oder gar nicht verstehen. Meistens haben die Kritiker nur die typischen ungenauen Medienartikel gelesen, in denen behauptet wird, es gäbe keine Beweise für die Wirksamkeit der Homöopathie oder die Forschung zur Homöopathie sei von schlechter Qualität, aber sie haben die Daten nie selbst gelesen.

    Für die wenigen, die tatsächlich einige Homöopathiestudien gelesen haben, ist das andere Problem, auf das wir bei HRI regelmäßig stoßen, der so genannte "Plausibilitäts-Bias", d. h. das Nichtakzeptieren von Forschungsergebnissen, die dem widersprechen, was man derzeit für möglich hält. Die folgende Situation ist stereotypisch und mir mehrfach passiert: Ich sitze mit einem Professor, der der Homöopathie kritisch gegenübersteht, zusammen. Ich zeige ihm eine sehr gründliche Forschungsarbeit, die in einer hochkarätigen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht wurde und die zu dem Schluss kommt, dass Homöopathie besser wirkt als Placebo. Wenn ich ihn nach seinen Gedanken zu den Ergebnissen frage, kommt: "An der Studie muss etwas falsch sein." Ich antworte: "Nein, das stimmt nicht. Wir haben sie gründlich überprüft und kennen den Autor persönlich. Wir können uns dafür verbürgen, dass alles genau so gemacht wurde, wie es sein soll." Seine Antwort: "Da kann aber etwas nicht stimmen, denn Homöopathie ist unmöglich."

    Das ist kein objektives wissenschaftliches Denken. Wenn die Daten eine Wirkung zeigen, kann man nicht einfach weiter sagen: "Das ist unmöglich", weil es nicht das Ergebnis ist, das man erwartet hat. Aber andererseits verstehe ich, dass es Zeit braucht, um von einer Meinung abzurücken, die man viele Jahre lang vertreten hat. Für solche Menschen ist mehr Forschung erforderlich, um eine so überzeugende Evidenzgrundlage zu schaffen, dass sie akzeptieren können, dass Medizin-Wissenschaft mehr ist als nur Biochemie und Homöopathie mehr als nur "Zuckerkügelchen".

    Auch positive wissenschaftliche Studien zur Homöopathie werden von den Kritikern oft ignoriert. Was denken Sie, warum ist das so?
    Die Meinung von Kritikern wurde stark von einem einzigen negativen Bericht9 über Homöopathie beeinflusst, der 2015 von einem angesehenen Forschungsinstitut in Australien veröffentlicht wurde. Diese Studie hat die Öffentlichkeit völlig in die Irre geführt, indem sie fälschlicherweise behauptete, es gäbe "keine verlässlichen Beweise" für die Wirksamkeit der Homöopathie bei irgendeiner Gesundheitsbeschwerde. Sie ging sogar so weit zu behaupten, es gäbe keine einzige qualitativ hochwertige positive Studie, die zeige, dass Homöopathie über Placebo hinaus wirkt. Und das ist einfach unwahr – wie man eindrucksvoll bewiesen sieht, wenn man einmal die HRI-Website besucht. Da wir auf unserer Website nur qualitativ hochwertige Studien aufführen, zeigt die Lektüre aller Studien, die Sie dort finden, dass dieser "australische Bericht" völlig falsch ist.

    Nach welchen Kriterien wurde die Homöopathieforschung in dem australischen Bericht bewertet, und wie beurteilen Sie diese Kriterien?
    Für diese Studie haben die australischen Forscher ihre eigene Definition von "zuverlässiger" Evidenz geschaffen - eine Definition, die weder jemals zuvor noch nachher in irgendeiner anderen Evidenzübersicht weltweit verwendet wurde. Um als "zuverlässig" eingestuft zu werden, musste eine Studie mindestens 150 Teilnehmer und eine Qualitätsbewertung von 5/5 auf der Jadad-Skala (oder eine gleichwertige Bewertung auf anderen Qualitätsskalen) aufweisen. Der Schwellenwert von mindestens 150 Teilnehmern ist völlig willkürlich, da es sehr wohl möglich ist, eine qualitativ hochwertige, valide Studie mit weniger Teilnehmern durchzuführen. Der Qualitätsschwellenwert ist ebenfalls beispiellos; normalerweise betrachten Forscher Studien mit einer Bewertung von 3/5 oder mehr als gültig. In der „australischen Studie“ entsprachen am Ende von den 176 ausgewerteten Studien nur 5 Studien deren eigener Definition von "zuverlässig". Es überrascht also nicht, dass die Autoren "keine zuverlässigen Beweise" für die Wirkung der Homöopathie fanden.

    Was hat Robert Mathie bei seiner systematischen Überprüfung und Meta-Analyse von placebokontrollierten klinischen Studien mit individueller homöopathischer Behandlung herausgefunden? Diese entsprechen dem so genannten "Goldstandard".
    Um individualisierte homöopathische Behandlungen zu bewerten, untersuchte Robert Mathie im Jahr 2014 22 doppelblinde, placebokontrollierte, randomisierte klinische Studien – also Studien, die dem sogenannten "Goldstandard" entsprechen, der üblicherweise zur Prüfung konventioneller Arzneimittel verwendet wird. Seine Analyse ergab, dass individuell verordnete homöopathische Arzneimittel mit 1,5- bis 2,0-fach höherer Wahrscheinlichkeit eine positive Wirkung haben als Placebo, wobei die drei Studien mit der besten Qualität die positivsten Ergebnisse zeigten.

    Kann man zu einer individuellen Therapie wie Homöopathie überhaupt seriös forschen?
    Der Schlüssel zu einer optimalen homöopathischen Behandlung liegt darin, die Wahl des homöopathischen Mittels auf die individuellen Symptome des jeweiligen Patienten abzustimmen. Im Vergleich zu konventionellen Arzneimittelstudien, bei denen jedem Patienten genau das Gleiche verabreicht werden kann, stellt dies die Forscher vor Herausforderungen. Aber es ist nicht unmöglich.

    Die Forscher haben sich im Laufe der Jahre mit diesem Problem befasst, und die neuesten Studiendesigns können diesem Umstand Rechnung tragen. Bei diesen placebokontrollierten Studien, in denen die individualisierte Homöopathie getestet wird, erhalten beispielsweise alle Patienten ein Beratungsgespräch, und die individuelle Verschreibung wird ausgewählt. Nur der Studienapotheker weiß, welche Patienten dann ihr verschriebenes Mittel oder ein identisch aussehendes Placebo erhalten. Dies bietet die Präzision einer wissenschaftlichen Standardstudie, ohne die Qualität der homöopathischen Intervention zu beeinträchtigen. 

    Eine andere Möglichkeit, die volle Wirkung homöopathischer Behandlungen zu erfassen, ist eine Art "Real world-Effektivität"-Studie: Eine Gruppe erhält eine homöopathische Beratung und ein individuelles Rezept, während die andere Gruppe die übliche konventionelle Behandlung erhält. 

    Jede Art von Studie hat unterschiedliche Vorteile - erstere zeigt isoliert die Wirkung der Arzneimittel an sich, während letztere zeigt, wie gut ein vollständiges Behandlungs-Paket für Patienten in realen klinischen Situationen funktioniert - unabhängig davon, ob sie homöopathische oder konventionelle Medizin erhalten.

    Was muss die Homöopathieforschung Ihrer Meinung nach in Zukunft leisten?
    Der Sektor muss mehr Evidenz-Nachweise erbringen, die sich auf Bereiche konzentrieren, in denen klinischer Bedarf besteht. Also etwa für Krankheiten, bei denen die konventionelle Medizin keine vollständige Lösung bietet - sei es, dass die Wirksamkeit bei einigen Patienten nicht ausreicht oder dass Probleme mit erheblichen Nebenwirkungen auftreten.

    Es ist verständlich, dass Forscher Studien durchführen wollen, die noch nie zuvor durchgeführt wurden. Aber leider hat dieses Streben nach Innovation zu einer sehr verstreuten Evidenzbasis geführt. Es gibt insgesamt 233 randomisierte kontrollierte Studien10, die jedoch 129 verschiedene Krankheitsbilder abdecken, d. h. wir haben im Durchschnitt weniger als zwei Studien pro Krankheitsbild. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, frühere positive Studien zu wiederholen. So gibt es beispielsweise aussagekräftige Studien, die die Wirksamkeit der Homöopathie bei häufigen Erkrankungen wie Heuschnupfen11, Nebenhöhlenentzündung12, Schlaflosigkeit13 und Endometriose14 belegen. doch solange diese Studien nicht von einem anderen Forschungsteam wiederholt werden, haben ihre Ergebnisse nur begrenzte Bedeutung. Das ist frustrierend, denn diese Studien zeigen, dass es bereits homöopathische Behandlungen gibt, die vielen Patienten helfen könnten, doch derzeit sind sie eine relativ ungenutzte Ressource in der Gesundheitsversorgung. 

    In der Forschung sollte sich also einiges tun in den kommenden Jahren. In der medizinischen Praxis haben wir aber ja heute schon das Glück, die moderne, konventionelle Medizin ebenso wie die Homöopathie und andere komplementäre Verfahren zu haben. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Wahlmöglichkeit um?
    Ich bin unglaublich dankbar, dass ich die Homöopathie mit Anfang 20 entdeckt habe. Denn so konnte ich den Großteil meines Erwachsenen-Lebens von zwei "Werkzeugkästen" profitieren - entweder von der konventionellen Medizin oder von der Homöopathie, oder häufiger von beiden zusammen - je nachdem, mit welcher Krankheit ich konfrontiert bin. Ich verwende homöopathische Mittel so routinemäßig, dass ich es mir nicht vorstellen kann, ohne sie auszukommen und nur noch auf schulmedizinische Mittel zurückgreifen zu können. Das treibt mich stark an, auch anderen zu helfen, die gleichen Wahlmöglichkeiten zu haben.

    Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Vor kurzem wurde ich im Urlaub von einer Qualle gestochen. Mein Knöchel war mit leuchtend roten Flecken übersät, und das Brennen und Stechen war schrecklich. Sobald ich ins Hotel zurückkam, nahm ich ein homöopathisches Mittel und innerhalb von 15 Minuten war der Schmerz weg. Ich trug auch eine homöopathische Creme auf, und es war nichts mehr, außer dass es furchtbar aussah! Wenn das homöopathische Mittel nicht schnell gewirkt hätte, wäre ich in die Klinik gegangen, doch das war nicht nötig. Es war eine Lappalie. Aber jedes Mal, wenn ich die Homöopathie anwende, ist es eine Chemiekeule weniger, die ich meinem Körper zuführe. Und ich finde, dass es über die ganze Lebenszeit hinweg betrachtet gut ist, den Einsatz pharmazeutischer Medikamente auf Situationen zu beschränken, wo sie die einzige wirksame Option sind.

    November 2021

    [1] pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23290876/
    [2] www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0039-1681062 
    [3] pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17544864/ 
    [4] pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21057725/ 
    [5] www.hri-research.org/resources/essentialevidence/clinical-trials-overview/ 
    [6] www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0022354915302215 
    [7] www.liebertpub.com/doi/pdf/10.1089/acm.2020.0243 
    [8] pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15022657/ 
    [9] www.hri-research.org/resources/homeopathy-the-debate/the-australian-report-on-homeopathy/ 
    [10] www.hri-research.org/resources/homeopathy-faqs/there-is-no-scientific-evidence-homeopathy-works/ 
    [11] www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0140673686904101
    [12] www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1550830706005635 
    [13] pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30935555/ 
    [14] pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28187404/